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Sonntag, 7. August 2016

KRIEG GEGEN DIE ANDERSGLÄUBIGEN

Szenenfoto aus der Verfilmung "Das Falsche Herz"

Wie eine katholische Sekte im 19. Jahrhundert alle Ungläubigen vernichten wollte und was wir heute daraus lernen können.

Es wird viel vom islamistischen Terrorismus geredet und gleichzeitig so getan, als hätten wir die Weltoffenheit in Europa erfunden. Papst Franziskus hat kürzlich davon gesprochen, dass jede Weltreligion extreme Strömungen in sich berge. Die heute größtenteils in Vergessenheit geratene Sekte der Pöschlianer war so eine fundamentalistische, christliche Bewegung. Sie hielt vor etwa zweihundert Jahren Oberösterreich und größere Teile von Deutschland in Schach und musste an ihrem Herkunftsort, einem kleinen Dorf im Hausruckviertel sogar mit der Nationalgarde aufgelöst werden. Wie kam es dazu, dass sich vormalig brave Katholiken (nehmen wir einmal an, dass sie brav waren), von ihrem Glauben loslösten und in eine extreme Richtung sich bewegten? Wurden sie manipuliert? Was hat man ihnen geboten, damit das Dabeisein Spaß machte?

Wie die andere ganz große Tragödie, nahm auch diese Bewegung in Braunau am Inn ihren Anfang. Dort wurde der Buchhändler Palm für ein regimekritisches Band zum Tode durch Erschießen verurteilt. Sein Beichtvater war Thomas Pöschl, ein Geistlicher mit nervösen Störungen, der nur sehr schwer die notwendigen Schritte zum Priestertum geschafft hatte. Dieser überaus phantasiebegabte Mensch konnte mit der ihm übertragenen Aufgabe nicht umgehen und verfiel immer mehr in düstere Grübeleien. Seine Predigten wurden zunehmend negativer. Irgendwann begann er nur mehr vom Strafgericht Gottes zu sprechen. Es kam wie es kommen musste, die kirchlichen Würdenträger wurden auf ihn aufmerksam und der junge Priester musste seinen Posten räumen. Ihn erwartete im abgelegenen Ampflwang eine Zwangsversetzung als Hilfspriester des dortigen Pfarrers Götz.
Seiner Phantasie entsprechend, begann er sofort Ausschau nach einer Frau zu halten, die für ihn eine Abgesandte Gottes war. Das war damals in schwärmerischen Kreisen so üblich, denn man sah den Körper der Frau stets als Gefäß des Göttlichen an. Er fand sie in der Gestalt von Magdalena Sickinger, einer Krämerswitwe, überzeugt war, Jesus Christus in ihrem Herzen hören zu können.
Was jener ihr mitteilte, passt so ganz in die psychische Verfasstheit jedweder Sekte hinein: Der Herr sprach also zu ihr, dass er alles neu machen, die Spreu vom Weizen trennen und ein großes Strafgericht einberufen würde.

Was begegnet uns hier: Eine verschwindende Minderheit von nur zwei Personen stellen Behauptungen auf, die sie nur aufgrund ihres Standes und ihres Charismas belegen können. Die Krämerswitwe und der Pfarrer, das waren damals wichtige Leute und was diese zu sagen hatten, das galt auch. Die Grundaussage mit dem Strafgericht überrascht auch nicht: Denn ohne Anmaßung funktioniert keine Sekte. Jemand muss schließlich die Spreu vom Weizen trennen, bevor der Herrgott tatsächlich erscheint. Das waren in diesem Fall Pöschl und die Sickinger.

Der Priester rief zur Selbstreinigung auf und erteilte Bußaufgaben, die sich über mehrere Jahre erstreckten. Im gemeinen Volk hatte das natürlich Auswirkungen. Schnell fanden sich Nachahmer, die andere Menschen so lange verprügelten bis sie sich übergaben, was als sicheres Zeichen für das Verschwinden des Teufels wahrgenommen wurde. Das war aber nur der erste Schritt. Wollte man sich nicht bekehren, so musste man sterben. Diese Etappe des Sektierertums erreichte die Bewegung aber erst, als Pöschl verhaftet, und ins Priestergefängnis nach Salzburg verbracht worden war.
Nachdem ihnen ihr geistiger Führer abhanden gekommen war, übernahmen die so genannten einfachen Leute das Ruder. Es wurden anhand eines kleinen Büchleins allerhand krude Verschwörungstheorien aufgestellt. Man müsse den Pfarrer umbringen, den Papst in Rom absetzen und alle Ungläubigen ausradieren. Eine große Aufgabe, aber was bekamen die Gläubigen als Dank?
Sie waren mächtig wo sie vorher schwach waren. Das galt gerade für die Frauen der Bewegung die sich als Päpstinnen feiern ließen. Niemals zuvor konnte eine einfache Magd zur Führerin des ganzen Dorfes werden. Die gesellschaftlichen Strukturen im 19. Jahrhundert hätten so etwas niemals zugelassen. Sie erhielten ihre Wirkmächtigkeit von Gott allein und das machte sie stark, wo sie vormals wie gesagt ohnmächtig waren. Ihr Glaube, der sie zuvor gewissentlich verpflichtet hatte, Gutes zu tun und Sünden zu vermeiden, forderte sie nun auf zu kämpfen und zu vernichten.
Es kam zu zahlreichen Gewalttaten und Ritualmorden. Eine junge Frau wurde mit der Axt bis auf ihren Rumpf reduziert. Man öffnete sogar ihr Herz um nachzusehen, wer sich darin verbarg: War es der Teufel oder war es doch Jesus? 

Es klebte viel Blut an den Händen dieser Bewegung.
Die Nationalgarde musste schließlich einschreiten und dem Unwesen ein Ende bereiten. In den Gefängnissen Vöcklabruck, Wartenburg und Köppach hörte man daraufhin ein Wimmern und ein Schreien. Das Wehklagen hatte folgende Bewandtnis: Man war fest vom Ende der Welt überzeugt gewesen. Erst als sich die Tage des Weltuntergangs scheinbar endlos hinauszögerten, begannen die Ersten damit, dem Irrglauben wieder abzuschwören.

Werfen wir einen Blick auf die Vorfälle, so kommen mehrere nennenswerte Tatsachen psychologischer Natur zum Vorschein:

Ermächtigung ohne Verantwortung. Die Akteure hielten sich allesamt für rein und frei von Sünde. Dieser Umstand ermächtigte sie, sich zum Richter aufzuspielen und andere zu ermorden. Hier ist ein klarer Widerspruch zur Bibel, denn niemand war in den Augen von Jesus Christus ohne Sünde, was in der berühmten Passage mit dem Werfen des ersten Steines zu Tage tritt.

Auflösung gesellschaftlicher Hierarchien. Man war jemand, weil man Teil von etwas geworden war. Es gab so eine Art Heiligkeit durch Anwesenheit. Hier kann man eine Ähnlichkeit zu heutigen Verhältnissen feststellen, wo man als Christ jemand zu sein scheint, der man als Moslem nicht zu sein glaubt und umgekehrt. Man definiert sich selbst durch Zugehörigkeit.

Die Notwendigkeit zu richten. Obwohl es in der heiligen Schrift heißt, “Richtet nicht, auf das ihr selbst nicht gerichtet werdet.”, bekämpfte, zerschlug, ja tötete man was das Zeug hielt. Die Ermächtigung dazu bekam man von seinem Anführer und dieser hatte den Auftrag direkt von Gott übermittelt bekommen. Ein kritisches Nachfragen schien da, wie so oft, völlig irrelevant.

Das zerbröselnde Weltbild und die fortschreitende Unvernunft. Was damals nach geregelten Systemen geschah, war auf einmal über den Haufen geworfen und durch ein krudes System aus Verschwörungstheorien und Größenwahn ersetzt worden. Jene, die sonst eher auf der unteren Skala des Intelligenzniveaus angesiedelt waren, wurden auf einmal zu Wissenden. Das führte zu allerhand Aberglauben und wahnwitzige Ideen.

Arbeit tat nicht Not. Man gab sich ganz der Beschäftigung des Richtens und Betens hin. Die Kühe liefen in die Häuser oder quer über die Felder. Niemand säte oder erntete mehr, denn alle waren überzeugt davon, dass Gottes Reich ohnehin in Kürze auf die Erde kommen würde.

Diese Sekte zeigt uns genau, was heute noch allenorts geschehen kann: Erst wird erst der Glaube, dann das Gewissen und schließlich das gesellschaftliche System aus den Angeln gehoben. Wer dann immer noch den alten Zeiten angehörig ist, soll weggeschafft, mundtot gemacht oder vernichtet werden. Als Lockmittel wird stets ein Trugbild entworfen, in denen Einzelne belohnt und eine Vielzahl vernichtet werden.

Die Weltreligionen widersprechen einem solchen Vorgehen massiv. Gerade das Christentum setzt auf die Unterscheidung der Geister und auf die vorrangige Überprüfung der eigenen und nicht der fremden Fehlleistungen. Eine Selektion der Menschen im Namen Gottes und durch die Menschen selbst, hat in jeder Zeit zu verheerenden Verbrechen geführt. Dabei ist es völlig unerheblich ob dieser Götzendienst im Namen des islamischen oder des christlichen Gottes stattfindet. Er ist immer grundfalsch, weil er eine Selbstermächtigung betreibt, die so in keiner Religion vorgeschrieben ist.

Verfilmung:
Szenenfoto aus der Verfilmung "Das Falsche Herz"

Der Autor dieses Textes hat 2011 nach jahrelangen Recherchen über die Sekte der Pöschlianer einen dramatischen Historienfilm geschaffen, der sich genau mit diesem Thema beschäftigt: “Das Falsche Herz” ist in Oberösterreich in der Nähe der historischen Schauplätze in der Starmovie Kinokette uraufgeführt worden. Der Film lief in mehreren Programmkinos und erlebte seine US Ptemiere beim Louisville International Festival of Film. Eine DVD (105 Minuten, Farbe, einige Extras) und ein Download des Films kann hier (und auf Amazon.de) erworben werden:

http://www.gruppefilmkunst.com/shop

Sonntag, 16. August 2015

Das Los des Furchtbaren

Manchmal schreibt man als Autor auch über Figuren, die man selbst eher in den Bereich, "menschlicher Abschaum" einreihen würde, wäre nicht diese Wortkombination alleine schon menschenverachtend.

Nach so einer durchgeschriebenen Nacht, mutet einem dann der Alltag plötzlich ganz seltsam an. Alles fühlt sich fremdartig an, man ist unruhig, appetitlos und fragt sich ständig ob man denn überhaupt geschlafen hat. Außerdem hat man eine große Wut gegen sich selbst, weil man einerseits so ein Monster geschaffen hat und andererseits an ihm noch schleifen möchte, damit es in seiner Abartigkeit auch noch glänzen möge.

Das erinnert mich auffällig an eine Begebenheit aus Hurenkarussell, wo ich zum Darsteller des pädophilen Grafen, Walter Ludwig sagte:

"Du bist furchtbar."

Seine Antwort war:

"Ich weiß. Aber ich spiele es nur. DU hast es geschrieben!"

Freitag, 14. August 2015

Was wir von Kapitän Ahab lernen können

Wie so oft, geht es beim Schreiben des Drehbuchs wieder einmal viel mehr darum, wo etwas stehen soll und nicht, dass etwas stehen soll. Dass irgendwo etwas stehen soll, ist eh klar, weil ich meinen Darstellern ja keine weißen Blätter hinhalten kann. Aber das WO ist oft viel wichtiger, als das WAS. Ich denke nur an Moby Dick von Herman Melville. Dass die Pequod (der Walfänger - das Schiff) einen Kapitän haben wird, wird wohl auch der einfältigsten Landratte unter den Lesern klar sein, aber was macht Melville? Er zeigt ihn nicht. Stattdessen führt er nur sein Holzbein (weiß nicht mehr genau woraus es bestand) in die Handlung ein, das zur späten Stunde ruhelos über den Kojen der Matrosen am Deck auf und ab geht. Der Held hört es nur und seine Phantasie, seine Vorstellungswelt wird die unsere. Was für ein Unterschied wäre es da, hätte Melville nur geschrieben: Kapitän Ahab ist ein hochaufgeschossener Mann in dunkler Quäker Kleidung der, so fällt es einem zumindest bei näherer Betrachtung auf, statt dem linken Fuß eine Prothese trägt. Der Zauber wäre verflogen und das Pulver verschossen. Eine Gefahr birgt diese dramaturgische Trickserei allerdings: Man hat nämlich nicht ewig Zeit. Irgendwann wird der Zuschauer ungeduldig und spätestens dann verwandelt sich die Magie in billigen Budenzauber. So ist, um beim Beispiel zu bleiben, EINE Nacht okay, aber spätestens in den nächsten Seiten muss der Verborgene eingeführt werden, sonst macht das Lesen bzw. das Sehen keine Freude mehr.